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Die ersten zwei Tage in Tomers Kibbuz liegen hinter mir. Schon beim Ankommen sind hin und wieder die Kriegsgeräusche aus dem Gazastreifen zu hören. Ich höre Explosionen und von mir nicht zu identifizierende Maschinen. Tomer meint, er könne unterscheiden, was ein Hubschrauber sei, was ein Panzer. Keines der folgenden Gespräche mit ihm wird nicht an der einen oder anderen Stelle um den 07. Oktober, den Krieg und die politische Situation kreisen. Tomer hat Bekannte verloren, Arbeitskollegen, der Vorsitzende des Kibbuz-Rats wurde ermordet. „Aber niemand aus dem engen Freundeskreis“, fügt er hinzu. Den Schock und den Schmerz dürfte das nicht verringern. Sein Kibbuz wurde nicht angegriffen. Er zeigt mir, bis zu welchem Punkt die Hamas-Kämpfer vorgedrungen sind. Es ist ein Kreisverkehr, keine 500 Meter vom Tor des Kibbuz entfernt. Hier drehten sie wieder ab und fuhren Richtung Sderot, um dort die Bevölkerung zu terrorisieren und Passanten zu ermorden. Sie nahmen die Polizeiwache ein und führten unter anderem von dort aus die Kämpfe gegen die israelischen Sicherheitskräfte. Schlussendlich sprengte die Armee die Polizeiwache mit Drohnen, Panzern und Helikoptern.
Zumindest das Sprechen beginnt
Das Leben in Israel sei inzwischen ein Albtraum, meint er. Der Horror setze sich mit jedem Tag fort, an dem die Geiseln weiter in Gefangenschaft sind und der Krieg gegen Gaza weiter geführt wird. Schon immer distanziert und teils regelrecht ablehnend gegenüber der politischen Situation in Israel, ist das doch eine neue Aussage von Tomer. „Ha’zaya“ erklärt er mir, werde der kollektive Gefühlszustand beschrieben. Ha’zaya komme mit Tagträumen einher, einem tiefliegenden Gefühl von Traurigkeit, auch Hoffnungslosigkeit. Tomer geht am Shabbat regelmäßig zu Versammlungen in einem naheliegenden Kibbuz, in denen den Hinterbliebenen der Opfer und Angehörigen der Geisel beigestanden wird. Als Mitarbeiter eines Film-Festivals kuratiert und koordiniert er Beiträge zum 07. Oktober, dokumentarisch, fiktional, animiert. Zumindest seien einige in der Lage, das Geschehene auf diese und andere Weise bereits zu verarbeiten. „Wie lange hat es nach der Shoah gebraucht, bis Menschen anfingen zu sprechen?“ fragt er. Und weiter: „Immerhin hat das Sprechen kurz nach dem 07. Oktober begonnen.“
Nachdem er am 07. Oktober aufgewacht war, unzählig viele unbeantwortete Anrufe von Freund:innen auf seinem Handy und langsam versuchte zu realisieren, was vor sich ging, wurde er zur Wache eingeteilt. Er stand an einer der damals noch offenen Stellen des den Kibbuz umgebenden Zauns, unbewaffnet, nur mit einem Handy in der Hand. Erst am Montag, dem 09. Oktober, fuhr er mit seinen Kindern zu gemeinsamen Freund:innen von uns, die in Herzliya, nördlich von Tel Aviv wohnten. Er und die Kinder bleiben dort mehrere Monate.
„Warum hasst du uns nicht?“
Am zweiten Abend kommt Tomers Freund Yiftach zu Besuch. Sein Umgang mit der Situation ist ein witzelnder. Dass ein Deutscher mit ihm in den ersten Minuten halbwegs erfolgreich Hebräisch spricht, belustigt und irritiert ihn zugleich. Er stellt Fragen zur Situation in Deutschland. Und: „Warum hasst du uns nicht?“ fragt er dann. Ich berichte von meinen bisherigen Studien- und Arbeitsaufenthalten in Israel, dass ich verstehe, warum der 07. Oktober ein kollektives Trauma bedeutet. Zu hassen war nie in meinem Kopf und hätte eine bewusste Entscheidung meinerseits sein müssen. Gebracht hätte das nichts, warum also hätte ich sie treffen sollen?
Ich berichte, dass auch in den deutschen Medien inzwischen der Hunger in Gaza vordergründig diskutiert wird. Auch in Israel ist bekannt, dass die Bundesregierung sich an den sogenannten „Airdrops“, den Lebensmittellieferungen aus der Luft, beteiligt. Ich hatte es am 03. August als erste Meldung in den Radionachrichten des Armeesenders „Galgalatz“ auf der Fahrt vom Flughafen zum Kibbuz gehört. Israel isoliert sich, sprechen auch Tomer und Yiftach aus, doch auch hier scheint das Gefühl von Hilflosigkeit und Betäubung vorzuherrschen.Vielleicht helfe der internationale Druck. Und überhaupt – damit sich etwas ändere, müsse Netanyahu verschwinden. Tomer sagt: „Mir ist es inzwischen egal, was mit ihm passiert. Meinetwegen soll er vor Gericht gestellt werden. Aber wenn das nicht klappt, bin ich auch damit zufrieden, wenn er sich auf eine einsame Insel verzieht und nie wieder nach Israel zurückkehrt.“
Nicht unter Ha’zaya – die Regierung
Die Unantastbarkeit von Netanyahu und seinen Mit-Koalitionären ist offensichtlich. Überall sind die Bilder der Geiseln zu sehen, gelbe Fahnen wehen an den Kreisverkehren, die gelbe Schleife, Symbol der Kampagne für die Freilassung der Geiseln ist omnipräsent. Netanyahu jedoch ignoriert die Forderungen der Familien und weiter Teile der Gesellschaft nach einem sofortigen Waffenstillstand, einer umfassenden Vereinbarung zur Freilassung aller noch lebenden Geiseln wie der toten Körper der Verstorbenen. Gestern wirft eine Abgeordnete von Netanyahus Likud den Familien der Opfer an den Kopf, sie sollten endlich schweigen. „Shut up!“ ruft sie ihnen entgegen.
Währenddessen setzen der Premierminister und sein Kabinett die seit Jahren währenden Angriffe auf den israelischen Rechtsstaat fort. Gestern wurde berichtet, dass Netanyahus Kabinett beschlossen hat, die ihnen mehr als unbequeme Generalstaatsanwältin Gali Baharav-Miara zu feuern. Eine Entscheidung, die dem Kabinett nicht zusteht und mit aller Wahrscheinlichkeit vom Supreme Court gekippt wird. „Aber sie weisen alle Institutionen an, die Entscheidung des Gerichts zu ignorieren. Wir befinden uns in einer Verfassungskrise.“ kommentiert Tomer.
Busy
„Warum tut niemand etwas, um die Situation zu verändern?“ wendet sich Yiftach an Tomer. Tomer antwortet: „Es gibt Menschen, die etwas tun. Nur wir sind es nicht. Die schweigende Mehrheit, die busy mit ihrem Leben sind.“ Eine recht harte Analyse, finde ich, bedeutet „busy mit dem eigenen Leben“ zu sein doch gerade an diesem Ort, das Erlebte jeden Tag verarbeiten zu müssen. Während in Abständen immer wieder Explosionen aus Gaza zu hören sind und daran erinnern, dass der Albtraum nicht vorbei ist und weiterhin alles Mögliche kommen kann. Yiftach beispielsweise ist sich sicher, Israel werde eine „zweite Runde“ gegen den Iran starten, da die erste Attacke gegen das Atomproramm doch nicht so erfolgreich verlaufen sei, wie zunächst kommuniziert wurde.
Nachdem Yiftach gegangen ist, wird Tomer sichtlich nervös und tippt auf seinem Handy herum. „Was ist los?“ frage ich. „Ynet haben berichtet, dass Netanyahu grünes Licht von Trump bekommen habe, den Gazastreifen komplett zu übernehmen.“ Wir lesen die Meldung, es stellt sich heraus, dass die Entscheidung noch nicht final gefallen ist. Noch eine ganze Weile schreibt Tomer, versunken in sein Handy, mit seinen Kontakten. Am Tag danach berichten ynet, dass der Generalstabschef des israelischen Militärs dem Premierminister widerspricht. Ein solches Vorhaben gefährde das Leben der Geiseln, ist seine Einschätzung. Netanyahus Antwort: dann möge er doch zurücktreten.
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Ha’zaya
My first two days at Tomer’s kibbutz are behind me. Even upon arrival, the sounds of war from the Gaza Strip can be heard from time to time. I hear explosions and machines that I cannot identify. Tomer says he can distinguish between a helicopter and a tank. None of my subsequent conversations with him fail to touch on October 7, the war, and the political situation at one point or another. Tomer has lost acquaintances, colleagues, and the chairman of the kibbutz council was murdered. “But no one from my close circle of friends,” he adds. That doesn’t lessen the shock and pain. His kibbutz was not attacked. He shows me how far the Hamas fighters advanced. It is a roundabout, less than 500 meters from the gate of the kibbutz. Here they turned back and drove towards Sderot to terrorize the population and murder passers-by. They took over the police station and, among other things, fought the Israeli security forces from there. Finally, the army blew up the police station with drones, tanks, and helicopters.
At least the talking has begun
Life in Israel has become a nightmare, he says. The horror continues with every day that the hostages remain in captivity and the war against Gaza continues. Always distant and sometimes downright hostile toward the political situation in Israel, this is a new statement from Tomer. “Ha’zaya,” he explains to me, describes the collective emotional state. Ha’zaya is accompanied by daydreaming, a deep sense of sadness, even hopelessness. On Shabbat, Tomer regularly attends meetings at a nearby kibbutz where the bereaved families of the victims and relatives of the hostages are supported. As a film festival employee, he curates and coordinates contributions to October 7, documentary, fictional, animated. At least some are already able to process what happened in this and other ways. “How long did it take after the Shoah for people to start talking?” he asks. And he continues: “At least talking began shortly after October 7.”
After waking up on October 7 to countless unanswered calls from friends on his cell phone and slowly trying to realize what was going on, he was assigned to guard duty. He stood at one of the then still open spots in the fence surrounding the kibbutz, unarmed, with only a cell phone in his hand. It wasn’t until Monday, October 9, that he drove with his children to visit mutual friends of ours who lived in Herzliya, north of Tel Aviv. He and the children stayed there for several months.
“Why don’t you hate us?”
On the second evening, Tomer’s friend Yiftach comes to visit. He deals with the situation with humor. The fact that a German is speaking Hebrew with him with some success in the first few minutes amuses and irritates him at the same time. He asks questions about the situation in Germany. And then he asks, “Why don’t you hate us?” I tell him about my previous study and work stays in Israel, that I understand why October 7 is a collective trauma. Hatred was never in my mind and would have had to be a conscious decision on my part. It would have achieved nothing, so why should I have made it?
I report that hunger in Gaza is now also being discussed prominently in the German media. It is also known in Israel that the German government is participating in the so-called “air drops,” the delivery of food supplies from the air. I heard it on August 3 as the first report on the radio news of the army station “Galgalatz” on the way from the airport to the kibbutz. Israel is isolating itself, Tomer and Yiftach also say, but here too, a feeling of helplessness and numbness seems to prevail. Perhaps international pressure will help. And anyway, for anything to change, Netanyahu must go. Tomer says, „I don’t care what happens to him anymore. As far as I’m concerned, he can be put on trial. But if that doesn’t work, I’ll be happy if he retreats to a desert island and never returns to Israel.“
Not under Ha’zaya – the government
The untouchability of Netanyahu and his coalition partners is obvious. Images of the hostages are everywhere, yellow flags fly at roundabouts, and the yellow ribbon, symbol of the campaign for the release of the hostages, is omnipresent. Netanyahu, however, ignores the demands of the families and large sections of society for an immediate ceasefire and a comprehensive agreement on the release of all surviving hostages and the bodies of those who have died. Yesterday, a member of Netanyahu’s Likud party told the families of the victims to finally shut up. “Shut up!” she shouted at them.
Meanwhile, the prime minister and his cabinet continue their years-long attacks on the Israeli rule of law. Yesterday, it was reported that Netanyahu’s cabinet had decided to fire Attorney General Gali Baharav-Miara, who is more than inconvenient for them. This is a decision that the cabinet has no right to make and will in all likelihood be overturned by the Supreme Court. “But they are instructing all institutions to ignore the court’s decision. We are in a constitutional crisis,” comments Tomer.
Busy
“Why isn’t anyone doing anything to change the situation?” Yiftach asks Tomer. Tomer replies: “There are people who are doing something. It’s just not us. The silent majority who are busy with their lives.” A rather harsh analysis, I think, since being “busy with one’s own life” in this place means having to process what one experiences every day. Meanwhile, explosions can be heard from Gaza at regular intervals, reminding us that the nightmare is not over and that anything could happen. Yiftach, for example, is certain that Israel will launch a “second round” against Iran, as the first attack against the nuclear program was not as successful as initially communicated.
After Yiftach leaves, Tomer becomes visibly nervous and taps away on his cell phone. “What’s going on?” I ask. “Ynet reported that Netanyahu got the green light from Trump to take over the Gaza Strip completely.” We read the report and it turns out that the decision is not yet final. Tomer continues to text his contacts, absorbed in his cell phone, for quite some time. The next day, Ynet reports that the chief of staff of the Israeli military disagrees with the prime minister. In his opinion, such a plan would endanger the lives of the hostages. Netanyahu’s response: then he should resign.

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