04. August | Annähern | Approaching

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Das letzte Mal war ich im September 2022 hier. Damals machte ich einfach nur Urlaub, besuchte Freund:innen, hatte nicht vor, mich großartig mit der politischen Situation vor Ort zu beschäftigen und tat das auch nicht. Ich war nicht mal in Jerusalem, geschweige denn in der West Bank. Kannte ich ja alles schon. Ich ging von einem Status Quo aus, an dem sich in all den Jahren nichts geändert hat – Netanyahu dominiert die israelische Politik, die Situation in der West Bank und im Gaza-Streifen bleibt wie sie ist und unter den Progressiven in der israelischen Gesellschaft gibt es kaum Hoffnung auf Veränderung. Dafür eine Akzeptanz der Besatzung, vielleicht auch ein Wegschauen, und umso mehr ein skeptischer Blick auf die Zukunft der israelischen Demokratie. Mit dieser Haltung hatte ich mich damals gemein gemacht, war ausschließlich deutscher Tourist, der eine gute Zeit mit seinen friends verbringen wollte in einem liebgewonnen Land, dass einem das Wegschauen einfach macht. Die Situation damals erlaubte einen solchen Urlaub.

Ein Pogrom europäischen Ausmaßes

Am 07. Oktober 2023 wache ich auf, lese von – ich erinnere mich nicht genau an die ersten Meldungen – damals noch etwa 20 Geiseln, die Hamas-Kämpfer in den Kibbuzim um den Gazastreifen genommen haben sollen. Allein diese Zahl – 20 und mehr – macht mir die Katastrophe deutlich. Bereits ein entführtes, jüdisch-israelisches Leben, das des 2006 von Hamas verschleppten Soldaten Gilad Shalit, hatte einen Militäreinsatz zur Folge. Schlussendlich wurde er im Jahr 2011 freigelassen, im Austausch für 1027 palästinensischer Gefangener. Einer davon, wie ich später erfahre, ist Yahia Sinwar, einer der Köpfe der Hamas hinter dem Angriff vom 07. Oktober.

Meinen letzten Tag im September 2022 verbrachte ich in einem Kibbuz in der Nähe des Gaza-Streifens bei meinem Freund Tomer. Am Morgen des 07. Oktober frage ich ihn per WhatsApp, ob er sicher ist. Die Nachricht wird zugestellt. Am Nachmittag antwortet er mir, er und seine Kinder sind in Sicherheit. Ich sehe derweil Bilder von dem Massaker der Hamas, die, die sie sehen, lassen sie nicht kalt. Am Ende sind 251 Menschen entführt, 1.195 Menschen ermordet. Mir ist klar: Israel, das ein „safe haven“, ein sicherer Hafen für die Jüd:innen der Welt sein soll, hat Kriege überstanden und zahlreiche Verluste beklagen müssen. Aber ein Pogrom – der Begriff aus dem 19. Jahrhundert für die jüdischen Erfahrungen mit den europäischen Mehrheitsgesellschaften – ist bisher nie geschehen. Ein Begriff, der zentral für das Anliegen des sozialistisch geprägten Zionismus war: der Gründung eines jüdischen Staates als „safe haven“. Ich weiß angesichts der Bilder von um sich schießenden Hamas-Kämpfern mitten in Sderot, einer Kleinstadt unweit des Gazastreifens, von Frauen, die in Trucks gezerrt werden, von verzweifelt Fliehenden auf dem Nova-Festival, dass das Selbstverständnis der Israelis, trotz jahrzehntelangem Kriegs und Terrors in einem safe haven zu leben, abgrundtief erschüttert sein muss. Ein Pogrom europäischen Ausmaßes hätte nie in Israel stattfinden dürfen, der ganze Staat wurde gegründet, damit es nie wieder geschieht. Mehr und mehr Mitglieder der israelischen Gesellschaft machen darauf aufmerksam, dass der 07. Oktober der tödlichste, singuläre Angriff auf jüdische Leben seit der Shoah war.

Abgleich der eigenen Einschätzungen – damals und heute

Eine Freundin fragte mich einen Tag nach dem 07. Oktober per Mail, ob ich mir Sorgen mache. Ein Teil meiner Antwort damals:

„Grundsätzlich kanns aber auch halt alles explodieren und Israel komplett nach rechts, Gaza absoluter GAU und West Bank dann keine Ahnung wie das zu beschreiben wäre… Dritte Intifada? Ich denke, das ist nicht unwahrscheinlich beziehungsweise ist das das worst case Szenario dem auch eine Bundesregierung entgegenarbeiten muss.“

Eine Intifada in der West Bank ist bislang ausgeblieben, die Gewalt geht zumeist in die andere Richtung, Siedler:innen attackieren immer wieder Palästinenser:innen. Der Rest scheint sich erfüllt zu haben, auch wenn ich es heute anders formulieren würde. Das, was ich damals als drohenden „GAU“ in Gaza beschrieb, ist heute kein Unfall, war es auch damals nicht, es ist die bewusste Entscheidung der israelischen Regierung. Ob die damaligen und heutigen Bundesregierungen dem zur Genüge entgegen gearbeitet haben, daran besteht Zweifel. Gleichzeitig ist fraglich, welche wirksamen Hebel sie auch heute noch einsetzen können. Der Vorwurf des Genozids an der palästinensischen Bevölkerung zirkuliert in der internationalen Debatte, auch in der deutschen. Die Bilder der Hungernden, der weitflächigen Zerstörung von Wohnhäusern, der zivilen Opfer, der Berichte palästinensischer Journalist:innen, die auch mit deutschen Medien kooperieren, anhand von Satelittenbildern und den Erkenntnissen der UN besteht kein Zweifel, dass dieser Krieg nicht präzise ist (welcher Krieg ist schon „präzise“?), nicht gegen die Hamas als solche geführt wird. Völkerrechtswidrig – ob nun Genozid oder Kriegsverbrechen – ist das Handeln allemal, um zu dieser Einschätzung zu kommen, benötigt es kein Jura-Studium mehr.

Blick auf die israelische Debatte aus der Distanz

Und Israel, rückt es nach rechts? Die rechtsradikalen Regierungsmitglieder sind erwähnt worden. Einer meiner Freunde teilte mir in einem Telefonat im Frühjahr 2024 mit, er schäme sich dafür, sich als links bezeichnet zu haben. Was mit den Menschen mit Gaza passiere, scheint ihm egal zu sein, die Hauptsache ist, dass sich der 07. Oktober nicht wiederhole. Die Menschen in Gaza hätten die Wahl, sie könnten sich einfach mit Hamas entsolidarisieren. Wohlwollend – ein von Schock und Trauma geprägter Blick, voller Mitgefühl für die eigenen Mitbürger:innen, Geiseln, Hinterbliebenen. Kritisch – ein unempathischer Blick, der die brutale Herrschaft der Hamas verkennt, und, wenn er von vielen in der israelischen Gesellschaft geteilt wird, einem Freifahrtschein für Regierung und Armee für das Agieren in Gaza gleichkommt. Das Telefonat hallte mir lange nach.

Erst in den letzten Wochen vor meiner Abreise im August 2025 erfahre ich von der Geringschätzung, ja Verachtung, die die rechtsradikalen Mitglieder der Regierung den Angehörigen der verbliebenen Geiseln entgegenbringen. Sie scheinen voll des Furors, nun endlich die messianische Mission einer kompletten jüdischen Besiedlung dessen, was sie als biblisches Israel beanspruchen, zu erreichen. Abseits der ursprünglichen, linkszionistischen Idee eines safe havens, sondern im Gegenteil, im vollen Risiko, Menschenleben zu riskieren, im Zweifel eben auch das jüdischer Israelis. Im Podcast von Ha’aretz höre ich ein Interview mit einer der freigelassenen, früheren Geisel der Hamas, ich lese von Angehörigen auf Demonstrationen die sagen, für sie sei der Horror erst vorbei, wenn alle Geiseln freigelassen sind. Dieses fortlaufende Verbrechen bedeutet unglaublichen Schmerz für die meisten in der israelischen Gesellschaft. Ich weiß das, die Berichte geben mir darüber hinaus zumindest auch ein emotionales Verständnis.

Ich habe mich entschieden, nach Israel zu fliegen. Es wird sicher hart, ein Test, doch möchte ich wissen, was sich verändert hat. Ich kann es aus der Distanz und mit losen, punktuellen Chats nur erahnen, wie die Lage bei meinen Freund:innen ist. Ich bin gestern, am 03. August 2025 gelandet. Zuerst fahre ich zu Tomer, in seinen Kibbuz unweit des Gazastreifens, in der Nähe von Sderot. Diesmal wird es kein Urlaub. Ich will als Freund kommen, der nach Antworten sucht, den weder der 07. Oktober noch die Bilder aus Gaza kaltlassen.

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Approaching

The last time I was here was in September 2022. At that time, I was simply on vacation, visiting friends, and had no intention of getting too involved with the political situation on the ground, which I didn’t. I didn’t even go to Jerusalem, let alone the West Bank. I got to know all of it already. I assumed that the status quo had remained unchanged over the years—Netanyahu dominates Israeli politics, the situation in the West Bank and Gaza Strip remains as it is, and there is little hope for change among progressives in Israeli society. Instead, there is acceptance of the occupation, perhaps even a tendency to look away, and all the more a skeptical view of the future of Israeli democracy. At the time, I had adopted this attitude, being nothing more than a German tourist who wanted to have a good time with his friends in a country he had grown to love, a country that makes it easy to look the other way. The situation at the time allowed for such a vacation.

A pogrom on a European scale

On October 7, 2023, I wake up and read about—I don’t remember the initial reports exactly—around 20 hostages who Hamas fighters are said to have taken in the kibbutzim around the Gaza Strip. That number alone—20 and more—makes the catastrophe clear to me. Even one kidnapped Jewish-Israeli life, that of soldier Gilad Shalit, who was abducted by Hamas in 2006, resulted in a military operation. He was eventually released in exchange for 1,027 Palestinian prisoners in 2011. One of them, as I later learn, is Yahia Sinwar, one of the Hamas leaders behind the attack on October 7.

I spent my last day in September 2022 at a kibbutz near the Gaza Strip with my friend Tomer. On the morning of October 7, I asked him via WhatsApp if he was safe. The message was delivered. In the afternoon, he replied that he and his children were safe. Meanwhile, I saw images of the massacre carried out by Hamas, which did not leave me unmoved. In the end, 251 people are kidnapped and 1,195 people are murdered. It is clear to me that Israel, which is supposed to be a “safe haven” for the Jews of the world, has survived wars and suffered numerous losses. But a pogrom—the 19th-century term for the Jewish experience with European majority societies—has never happened before. It was a term central to the cause of socialist Zionism: the establishment of a Jewish state as a “safe haven.” Given the images of Hamas fighters shooting indiscriminately in the middle of Sderot, a small town not far from the Gaza Strip, of women being dragged into trucks, of desperate people fleeing the Nova Festival, I know that the Israelis‘ self-image of living in a safe haven, despite decades of war and terror, must be profoundly shaken.

A pogrom on a European scale should never have been allowed to happen in Israel; the entire state was founded to ensure that it would never happen again. More and more members of Israeli society are pointing out that October 7 was the deadliest single attack on Jewish lives since the Shoah.

Comparing my own assessments – then and now

The day after October 7, a friend asked me by email if I was worried. Part of my answer at the time:

„Basically, everything could explode and Israel could swing completely to the right, Gaza could become an absolute disaster, and the West Bank… I don’t even know how to describe it… A third intifada? I think that’s not unlikely, or rather, that’s the worst-case scenario that the federal government has to work against.“

There has been no intifada in the West Bank so far; the violence is mostly in the other direction, with settlers repeatedly attacking Palestinians. The rest seems to have come true, even if I would phrase it differently today. What I described at the time as a looming “worst-case scenario” in Gaza is not an accident today, nor was it then; it is a conscious decision by the Israeli government. There are doubts as to whether the German governments of the past and present have done enough to counteract this. At the same time, it is questionable what effective leverage they can still use today. Accusations of genocide against the Palestinian population are circulating in the international debate, including in Germany. The images of starving people, the widespread destruction of homes, the civilian casualties, the reports of Palestinian journalists who also cooperate with German media, satellite images, and the findings of the UN leave no doubt that this war is not precise (what war is ever “precise”?), nor is it being waged against Hamas as such. The actions are definitely contrary to international law—whether genocide or war crimes—and you don’t need a law degree to come to that conclusion.

Looking at the Israeli debate from a distance

And Israel, is it shifting to the right? The right-wing extremist members of the government have been mentioned. One of my friends told me in a phone call in the spring of 2024 that he was ashamed of having called himself a leftist. He seems not to care what happens to the people of Gaza; the main thing is that October 7 does not repeat itself. The people in Gaza have a choice, he said; they could simply withdraw their support for Hamas. Benevolent—a view shaped by shock and trauma, full of compassion for one’s fellow citizens, hostages, and bereaved families. Critical – an unempathetic view that fails to recognize the brutal rule of Hamas and, if shared by many in Israeli society, amounts to a free pass for the government and army to act in Gaza. The phone call echoed in my mind for a long time.

It is only in the last few weeks before my departure in August 2025 that I learn of the contempt, even scorn, that the right-wing extremist members of the government feel toward the relatives of the remaining hostages. They seem full of fury, finally determined to achieve their messianic mission of completely Jewish settlement of what they claim to be biblical Israel. This is far removed from the original, left-wing Zionist idea of a safe haven; on the contrary, it involves the full risk of endangering human lives, including, in case of doubt, those of Jewish Israelis. In the Ha’aretz podcast, I hear an interview with a former Hamas hostage who has been released, and I read about relatives at demonstrations who say that for them, the horror will only be over when all the hostages have been released. This ongoing crime causes incredible pain for most of Israeli society. I know this, and the reports give me at least an emotional understanding of it.

I have decided to fly to Israel. It will certainly be challenging, a test, but I want to know what has changed. From a distance and through occasional chats, I can only guess at the situation my friends are facing. I landed yesterday, August 3, 2025. First, I’m going to Tomer, to his kibbutz not far from the Gaza Strip, near Sderot. This time it won’t be a vacation in the classic sense. I want to come as a friend who is looking for answers, who is not indifferent to October 7 or the images from Gaza.

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