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Dass dieser Blog diese Adresse hat, liegt auch daran, dass eine Reise in die West Bank nicht auf dem Plan stand. Zu wenig konnte ich die Lage dort einschätzen, die Gewalt, die Siedler:innen dort ausüben, erschien mir nicht berechenbar. Lediglich eine Stimme in Deutschland versicherte mir, dass eine Reise dorthin kein Ding der Unmöglichkeit sei.
Eigentlich will ich am vergangenen Samstag, dem Shabbat, zu den Protesten in Haifa. Dafür rufe ich Kelila an, auch sie kenne ich aus Beer Sheva, mir schon damals als vielbeschäftigte Aktivistin bekannt. Sie meint, was auch immer ich über die Proteste in Haifa gehört habe, stimme so nicht ganz. Wahrscheinlich beziehen sich die Berichte auf die Demonstrationen in den Dörfern arabischer Israelis im Norden des Landes wie auch in Haifa selbst. Sie in jedem Fall werde an diesem Samstag in die West Bank mit zwei Freundinnen fahren. Sie kennen da Leute, die in einem palästinensischen Dorf wohnen, und es sei Zeit für einen Besuch. Am Vormittag organisieren sie und weitere Freundinnen Aktivitäten für die Kinder des Dorfes. Sie erklärt mir, dass sie und andere Aktivist:innen ähnliche Besuche „protective presence“ nennen. Was sie am kommenden Samstag vorhat, zählt sie aber nicht unter protective presence und verbucht es eher als Solidaritätsbesuch. Dennoch – die Privilegien des eigenen Passes für andere nutzbar machen – mit dem Gedanken kann ich etwas anfangen. Ich frage, ob meine Anwesenheit dort vielleicht auch unangenehm oder zu aufgedrängt sein oder mein deutscher Pass die Dinge am Checkpoint verkomplizieren könne. Beide Bedenken wischt sie weg, die Leute hätten sicher nichts dagegen, mein Pass könne zudem nur helfen.
Ein Mord ohne Konsequenzen
Am 28. Juli 2025 wird der Englischlehrer Awdah Hathaleen im palästinensischen Dorf Umm al Kheir bei Hebron, in der südlichen West Bank, ermordet. Neben seiner Lehrtätigkeit war er beratend für Produktion des oscarprämierten Dokumentarfilms „No Other Land“ tätig. Der Film handelt von der palästinensischen Gemeinde Masafer Yatta, ebenso im Süden der West Bank gelegen und offenbart die Gewalt von Siedler:innen und den immer weiteren Ausbau der Siedlungen. Awdahs Mörder heißt Yinon Levi, ein bereits von der EU und dem United Kingdom sanktionierter Siedler. Auch die US-Regierung unter Präsident Biden hatte ihm die Einreise verweigert, Trump hingegen hatte die Sanktionen wieder aufgehoben. Awdah Hathaleen wird in der Brust von einer Kugel aus Yinon Levis Waffe getroffen, auf dem Weg zum Krankenhaus in Beer Sheva stirbt er. Erst am 07. August überstellen die Behörden seine Leiche an die Familie, sodass er bestattet werden kann. Die Konsequenzen für Yinon Levi? Drei Tage Hausarrest. Eine ausführliche Darstellung des Mordes an Awdah Hathaleen, der Gewalt der Polizei gegen Umstehende und die weiteren Implikationen werden unter anderem von B‘Tselem – The Israeli Information Center for Human Rights in the Occupied Territories bereitgestellt.

Community Center
Rasant und etwas verspätet kommt Kelila aus Haifa kommend am Shabbat bei dem Kibbuz von Liat an, wo ich die Nacht verbracht habe. Kelila begrüßt mich freudig, stellt mich ihrer Freundin Yarden vor und ab geht die Post. Unterwegs lesen wir noch Romi in Tel Aviv auf. Die drei eröffnen wir, dass wir nach Umm al Kheir fahren, Romi kennt die Familie von Awdah und will einen Kondolenzbesuch abstatten. Das kommt unerwartet, ich fühle mich etwas zu schlicht gekleidet, um einer trauernden Familie zu begegnen, aber Yarden begutachtet mich und meint: „Du hast Hosen an!“ und damit ist das auch geklärt.
Romi erzählt, wie sie 2021 mit anderen Freund:innen begonnen habe, die protective presence als Aktionsform zu erweitern. Angewendet wird sie schon ungefähr seit 2000. Unter anderem das Begleiten von Schäfern ist eine der Aufgaben, um im schlimmsten Fall Zeug:innenschaft ablegen zu können, wenn es zu Angriffen kommt, im besten Fall, die Gewalt so zu verhindern. Parallel haben sie Arabisch-Kurse für Israelis in der West Bank mit palästinensischen Lehrerinnen organisiert. So leben israelische Leute für längere Zeit in der West Bank, lernen – und das haben Romi und ihre Mitstreiter:innen der Aktion hinzugefügt – Arabisch, zeigen protective presence und die Lehrerinnen werden von ihnen bezahlt. Inzwischen hat sich das Projekt verstetigt, gerade nehmen 15 Israelis daran teil.
Im Community Center von Umm al Kheir werden wir von Khalil, Awdahs Bruder begrüßt. Die Siedlung Carmel ist in unmittelbarer Sichtweite, nur einhundert Meter entfernt. Yinon Levi hatte es nicht weit, als er sich zum Community Center begab und durch den Zaun hinweg auf Awdah schoss. Ein großes Banner mit einem gemalten Porträt von Awdah fordert auf Englisch und Arabisch „Gerechtigkeit für Awdah“. Khalil ist in Trauer, das ist offensichtlich und selbstverständlich. Und doch schafft er es, uns ein Gefühl von Willkommen-Sein zu vermitteln.
Die Kinder im Community Center haben gerade das Bemalen von selbstgestalteten Mobilees beendet. Nun wird, angeleitet von Kelila in fließendem Arabisch, „Der Fuchs geht um gespielt“. Währenddessen unterhalte ich mich mit der französischen Journalistin Khadija Toufik. Sie reist in der West Bank herum, bleibt nicht länger an einem Ort und dokumentiert die Ereignisse. Als freie Journalistin arbeitet sie französischen Medien zu. Mit der Pressefreiheit in der West Bank sei es nicht weit her, ihre Arbeit werde immer wieder durch die Armee erschwert. Auch die Proteste in Tel Aviv hat sie bereits journalistisch begleitet, bemüht sich um ein Interview mit den Familien der Geiseln, habe bislang aber keinen Erfolg gehabt. Dass sie auch die jüdisch-israelische Perspektive in ihre Berichterstattung einbezieht, hat zur Folge, dass einige ihrer Bekannten sie als Zionistin bezeichnen und das als Beschimpfung verstanden wissen wollen.
Während Kelila, Yarden und Romi der Frau von Awdah, Hanady, kondolieren, spreche ich unter anderem mit mehreren Israelis, die ebenfalls vor Ort sind. Einer unterhält sich mehrere Minuten lang mit Khalil auf Arabisch. Das scheinen gute Lehrerinnen hier zu sein. Eine israelische Ärztin setzt sich zu uns, sie hatte die ganze Zeit Sprechstunde, isst ihren Salat, ist zu erschöpft, um groß zu sprechen. Khalil wechselt ins Englische. Er erzählt mir von den Kindern, die zum Zeitpunkt des Mordes anwesend waren. Das Geschehene verarbeiten sei unter diesen Umständen hier absolut herausfordernd. An Beschulung sei derzeit beispielsweise gar nicht zu denken. Im Gespräch versinkt er immer wieder in Gedanken, seufzt, blickt hinüber auf die Siedlung Carmel. „Ich will einfach nur Gerechtigkeit für Awdah.“

Blick vom Community Center Umm al Kheir auf die Siedlung Carmel
Und doch weiter solidarisch
Die Nacht vor dieser Reise war ich absolut nervös, noch nicht einmal wissend, dass es nach Umm al Kheir geht. Im Nachhinein stellt sich die Nervosität als unbegründet heraus. Die Hin- und Rückfahrt waren unproblematisch, hinzu wurden wir gar nicht kontrolliert, sodass wir nahezu unbemerkt das international anerkannte Israel verlassen, bloß dass das hier nicht Schengen ist. Auf der Rückfahrt werden unsere Pässe am Checkpoint nicht kontrolliert. Erstens werden wir offensichtlich als jüdisch-israelisch gelesen, die Insassen des Autos vor uns müssen im Unterschied zu uns ihre Ausweise zeigen. Zweitens sagt Kelila aus dem Autofenster heraus, wir seien in der Siedlung Carmel gewesen. Also können wir passieren.
Zum Schluss ein paar Zahlen: die Palestinian Monitoring Group der Palästinensichen Autonomiebehörde hatte im Juni 2022 2.162 Vorfälle sowohl für die West Bank als auch für Gaza registriert, die mit der Besatzung zusammengehören. Sie dokumentiert unter anderem Morde, Verletzungen, Verhaftungen, Schüsse, plötzliche Checkpoints und mehr. Im Juni 2025 – nun nur noch Vorfälle in der West Bank registrierend – kommt die Gruppe auf 3.549 Vorfälle. Auch Romi bestätigt die steigende Gewalt und fügt an: „Das ist erst der Anfang.“ Und doch, alle drei wollen nicht aufgeben und weiter solidarisch sein.
Danke an Kelila, Yarden und Romi, die den Beitrag gegengelesen haben, meine Erinnerungen an den Stellen korrigierten, wo es nötig war und einzelne Aussagen nochmal stärker nuancierten.
Umm al Kheir
The reason this blog has this address is also because a trip to the West Bank was not on the agenda. I couldn’t assess the situation there well enough, and the violence perpetrated by the settlers there seemed unpredictable to me. Only one voice in Germany assured me that a trip there was not impossible.
Actually, I want to go to the protests in Haifa last Saturday, Shabbat. So I call Kelila, whom I also know from Beer Sheva, who was already known to me as a busy activist back then. She says that whatever I’ve heard about the protests in Haifa isn’t quite right. The reports probably refer to the demonstrations in the villages of Arab Israelis in the north of the country as well as in Haifa itself. In any case, she would be going to the West Bank with two friends this Saturday. They know people who live in a Palestinian village, and it was time for a visit. In the morning, she and other friends organize activities for the children of the village. She explains to me that she and other activists call similiar types of this visit a “protective presence.” However, she does not consider what she is planning to do next Saturday to be protective presence, but rather a visit of solidarity. Nevertheless – exploiting the privileges of my own passport for others — I can get behind that idea. I ask whether my presence there might be unpleasant or too intrusive, or whether my German passport might complicate things at the checkpoint. She dismisses both concerns, saying that people would certainly not mind and that my passport could only help.
A murder without consequences
On July 28, 2025, English teacher Awdah Hathaleen is murdered in the Palestinian village of Umm al Kheir near Hebron, in the southern West Bank. In addition to his teaching work, he was a consultant for the production of the Oscar-winning documentary “No Other Land.” The film is about the Palestinian community of Masafer Yatta, also located in the south of the West Bank, and reveals the violence of settlers and the ever-expanding settlements. Awdah’s murderer is Yinon Levi, a settler already sanctioned by the EU and the United Kingdom. The US government under President Biden had also denied him entry, but Trump had lifted the sanctions. Awdah Hathaleen was shot in the chest by a bullet from Yinon Levi’s gun and died on the way to the hospital in Beer Sheva. It was not until August 7 that the authorities handed over his body to his family so that he could be buried. The consequences for Yinon Levi? Three days of house arrest. A detailed account of the murder of Awdah Hathaleen, police violence against bystanders, and further implications are provided by B’Tselem – The Israeli Information Center for Human Rights in the Occupied Territories, among others.

Community Center
Kelila arrives from Haifa on Shabbat, a little late, at the kibbutz where I spent the night. Kelila greets me joyfully, introduces me to her friend Yarden, and off we go. On the way, we pick up Romi in Tel Aviv. We tell the three of them that we are going to Umm al Kheir. Romi knows Awdah’s family and wants to pay a condolence visit. This comes as a surprise, and I feel a little too casually dressed to meet a grieving family, but Yarden looks me over and says, “You’re wearing pants!” and that settles it.
Romi recounts how she and other friends began expanding protective presence as a form of action in 2021. It has been in use since around 2000. Among other things, accompanying shepherds is one of the tasks involved, so that in the worst case scenario, witnesses can be called upon if attacks occur, and in the best case scenario, violence can be prevented. At the same time, they organized Arabic courses for Israelis in the West Bank with female Palestinian teachers. This way, Israeli people live in the West Bank for a longer period of time, learn Arabic, show protective presence, and the teachers are paid by them. The project has now become permanent, with 15 Israelis currently participating.
At the community center in Umm al Kheir, we are greeted by Khalil, Awdah’s brother. The Carmel settlement is within sight, only a hundred meters away. Yinon Levi did not have far to go when he went to the community center and shot Awdah through the fence. A large banner with a painted portrait of Awdah calls for “Justice for Awdah” in English and Arabic. Khalil is in mourning, that is obvious and understandable. And yet he manages to make us feel welcome.
The children at the community center have just finished painting their homemade mobiles. Now, guided by Kelila in fluent Arabic, they are playing “The Fox is Coming.” Meanwhile, I chat with French journalist Khadija Toufik. She travels around the West Bank, never staying in one place for long, documenting events. As a freelance journalist, she works for French media outlets. Freedom of the press in the West Bank is limited, and her work is repeatedly hampered by the army. She has also covered the protests in Tel Aviv and is trying to get an interview with the families of the hostages, but has not been successful so far. The fact that she also includes the Jewish-Israeli perspective in her reporting has led some of her acquaintances to label her a Zionist and consider this an insult.
While Kelila, Yarden, and Romi offer their condolences to Awdah’s wife, Hanady, I talk to several Israelis who are also there. One of them talks to Khalil in Arabic for several minutes. They seem to be good teachers here. An Israeli doctor sits down with us; she has been seeing patients the whole time, eats her salad, and is too exhausted to talk much. Khalil switches to English. He tells me about the children who were present at the time of the murder. Coming to terms with what happened is absolutely challenging under these circumstances here. Schooling, for example, is out of the question at the moment. During the conversation, he repeatedly sinks into thought, sighs, and looks over at the Carmel settlement. “I just want justice for Awdah.”

View from the community center of Umm al Kheir towards Carmel settlement
And yet still in solidarity
The night before this trip, I was extremely nervous, not even knowing that we were going to Umm al Kheir. In retrospect, my nervousness turned out to be unfounded. The journey there and back was uneventful, and we weren’t even checked, and we weren’t even checked, so we left internationally recognized Israel almost unnoticed, except that this isn’t Schengen.. On the way back, our passports are not checked at the checkpoint. Firstly, we are obviously perceived as Jewish-Israeli, whereas the occupants of the car in front of us have to show their ID cards, unlike us. Secondly, Kelila says from the car window that we have been to the Carmel settlement. So we are allowed to pass.
Finally, a few figures: in June 2022, the Palestinian Monitoring Group of the Palestinian Authority recorded 2,162 incidents related to the occupation in both the West Bank and Gaza. Among other things, it documents murders, injuries, arrests, shootings, sudden checkpoints, and more. In June 2025—now only recording incidents in the West Bank—the group counted 3,549 incidents. Romi also confirms the increasing violence and adds, “This is only the beginning.” And yet, all three refuse to give up and continue to show solidarity.
Thanks to Kelila, Yarden, and Romi, who proofread the article, corrected my memories where necessary, and added further nuance to individual statements.

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