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Die Nacht nach dem Besuch in Umm el Kheir verbringe ich erneut im Kibbuz von Liat. Am folgenden Sonntag – Yom Rishon, der erste Arbeitstag der jüdischen Woche – ist der Generalstreik angekündigt. Es wird tatkräftig mobilisiert, auch die Abendnachrichten berichten, überall im Land sind Kundgebungen und Proteste angekündigt, am Platz der Geiseln und Verschwundenen in Tel Aviv soll am Abend das Protestgeschehen gebündelt versammelt werden. Am Ende werden es etwa 200.000 Menschen sein, die allein dort stehen und ein Ende des Krieges und die Rückholung der Geiseln verlangen werden. Regierungsmitglieder beschimpfen derweil die Mobilisierungen. Das alles stärke die Hamas, versuchen sie den Protest zu delegitimieren.
Gemeinsam mit Liat gehe ich zu einer der ersten Kundgebungen um 8 Uhr morgens an einer der Kreuzungen in der Nähe ihres Kibbutz. Es dauert nicht lange, und einige der am Ende vielleicht 500 Demonstrant:innen blockieren die Straße, sie sind laut, absolut wütend und trotz einsetzender Hitze hundertprozentig dabei. Banner mit der Aufschrift „Stoppt die Operation des Todes“ werden entlang der Straße gehalten, es dominieren gelbe und israelische Fahnen.

Als die Polizei die ersten Sitzenden wegträgt, beginnt die Menge, in einem großen Kreis über die Kreuzung zu laufen. Eine für mich sehr witzige Beobachtung, dergleichen habe ich noch nie in Deutschland gesehen, auch eine sehr demo-versierte Freundin aus Leipzig bestätigt mir, dass sie so etwas noch nicht gesehen hat. Ob das auch eine gute Strategie für den nächsten Nazi-Aufmarsch in Dresden oder Riesa ist? Die Leipziger Freundin bezweifelt das, immerhin werde vor Ort stark auf die Trennung beider Seiten hingewirkt. Liat ist zufrieden, die Kundgebung sei in etwa so groß und laut, wie sie es erwartet habe.
Nicht zur Armee gehen wollen
Nach der Kundgebung fahre ich weiter nach Haifa und treffe erneut auf Kelila. Wir essen gemeinsam, sie kommt gerade von einer Demonstration, die Solidarität mit einer jungen Frau zeigen wollte, die den Armeedienst verweigern möchte. Die Polizei sei äußerst brutal gegen die Demonstrant:innen vorgegangen, teils habe sie Menschen am Nacken weggetragen, etwa zehn Leute seien verhaftet worden, werden aber inzwischen auch wieder entlassen. „Vermutlich, weil heute soviel los ist.“ sagt Kelila. Sie zeigt sich noch etwas erschüttert von der Polizeigewalt, meint aber auch: „Hätte ich gewusst, dass es so spannend wird, hätte ich dir gesagt, komm auch dazu.“ Nun…
Auch sie habe den Armeedienst verweigert, erzählt sie mir. Ein Teil ihrer Biographie, den ich noch nicht von ihr kannte. Zwei Monate habe sie dafür im Gefängnis gesessen. Andere säßen länger, andere kürzer, für wie lang die Freiheit entzogen wird, sei nicht immer ganz klar. Sie könne nicht Teil irgendeiner Armee sein, sagt sie. In Israel sei darüber hinaus die Besatzung ein weiterer Grund gewesen, den Armeedienst zu verweigern. Ihre Eltern hatten sie damals in ihrem Vorhaben bestärkt. Wird ihr mit sozialer Ächtung begegnet? Nicht wirklich, meint sie. Sie habe einen „national service“ anstelle des Armeedienstes geleistet („Bei einer Menschenrechtsorganisation“, sagt sie und muss dabei grinsen“), wenn sie das erwähne, sei das kein Problem. Hätte sie direkt mit dem Studium begonnen oder eine Reise unternommen, während die anderen zur Armee gegangen wären, dann sehe die Situation sicher anders aus.
Um 17 Uhr gehen wir zur Demonstration auf dem Platz des Buches, Kikar HaSefer, in Haifa. Auch Yarden ist dort. Erneut sind es viele gelbe und israelische Fahnen, die mitgebracht wurden. Um den Platz herum sind gelbe Stühle aufgestellt, Bilder der Geiseln werden gezeigt, die Versammlung ist konzentrisch, in der Mitte stehen Redner:innen oder Menschen mit Megafonen, die die Menge anfeuern. Erneut ist es sehr laut, Kelila und Yarden beginnen mit anderen Freunden die Sprechchöre mit ihren Trommeln zu untermalen. Nach einiger Zeit sagt mir Kelila, ich solle mal mitkommen. Wir laufen einige Meter, dort stehen Leute eher in violetten Farben, ebenfalls im Kreis. Sie gehören zu Omdim Be‘yachad – Zusammenstehen, einer Bewegung, die sich für das Ende der Besatzung und gegen den vorherrschenden Neoliberalismus einsetzt. Dezidiert links, auch in der Selbstbeschreibung. Die Slogans hier weichen etwas von den anderen ab. „Nur Frieden bringt Sicherheit“ wird gerufen, auch arabische Schilder sind zu sehen. „Es gibt keine Demokratie mit Besatzung“, lese ich auf Hebräisch, „Stoppt den Hunger in Gaza“, „Kinder retten, Krieg ablehnen“ und auch „Stop the Genocide“. Bilder hungernder Kinder aus Gaza werden emporgehalten.

„Die Besatzung Gazas ablehnen.“
Deeskalation
Der Kreis der Leute von Omdin Be‘yachad und der Unterstützer:innen fügt sich zwar als farblicher und rhetorischer Kontrast, aber dennoch symbiotisch in die gesamte Versammlung ein. Umstehende sind freundlich. Lediglich ein Mann kommt an um mit einem der Demonstranten zu argumentieren, die Polizei im Schlepptau, die sich im Gegensatz zu dem, was Kelila und Yarden am Morgen erlebt haben, sehr kooperativ und freundlich verhält. Yarden stellt sich zwischen die Streitenden. Später – bei ihr werde ich übernachten – erzählt sie mir, sie habe gar kein Problem sich zwischen zwei sich anbrüllende Männer zu stellen um zu verhindern, dass sie aufeinander einschlagen. Sie deeskaliert die Situation vollkommen souverän, der Typ zieht ab, auch auf Empfehlung der Polizei hin. Plötzlich jedoch taucht eine Frau auf. „Mein Sohn ist in Gaza!“ schreit sie Yarden an. Offenbar ist sie die Mutter eines Soldaten. Yarden versucht noch entgegenzuhalten, dann wendet sie sich betroffen ab, entfernt sich einige Meter, einige Mitstreiter:innen trösten sie. Im Gespräch am Abend bei ihr zu Hause meint sie, das mit den Typen gehe klar, aber von einer Frau angeschrien zu werden, könne sie nicht gut verwinden. Auch versteht sie die Mutter des Soldaten, zeigt Mitgefühl mit ihr. Wütend ist sie nach wie vor auf den Mann. „Er rafft nicht, dass es am Ende auch gegen ihn geht. Die Regierung beschimpft bereits die Familien der Geiseln. Es beginnt mit den Angriffen gegen Palästinenser:innen und setzt sich fort, gegen Linke und andere. Er begreift nicht, dass es tatsächlich passieren kann, dass auch er hier irgendwann nicht mehr das sagen kann, was er will.“ Dann ist der Schritt Israels Richtung Diktatur vorprogrammiert? „Nein“, sagt Yarden. Wenn sie keine Hoffnung hätte, würde sie hier nicht mehr sein.
Danke erneut an Kelila, Yarden und Romi für das Gegenlesen!
August 19 – Yom Rishon – Strike!
I spend the night after my visit to Umm el Kheir once again at Liat’s kibbutz. The following Sunday – Yom Rishon, the first working day of the Jewish week – a general strike is announced. There is vigorous mobilization, the evening news reports on it, rallies and protests are announced throughout the country, and in the evening, the protests are to be concentrated at the Square of the Hostages and the Disappeared in Tel Aviv. In the end, there will be about 200,000 people standing there alone, demanding an end to the war and the return of the hostages. Meanwhile, members of the government are denouncing the mobilizations. They try to delegitimize the protest, saying that it only strengthens Hamas.
Together with Liat, I go to one of the first rallies at 8 a.m. at one of the intersections near her kibbutz. It doesn’t take long before some of the 500 demonstrators block the road. They are loud, absolutely furious, and fully committed despite the rising heat. Banners reading “Stop the Operation of Death” are held along the street, dominated by yellow and Israeli flags.

When the police carry away the first protesters sitting down, the crowd begins to run in a large circle across the intersection. I find this very amusing; I have never seen anything like it in Germany, and even a friend from Leipzig who is very experienced in demonstrations confirms that she has never seen anything like it either. Is this also a good strategy for the next Nazi march in Dresden or Riesa? My friend in Leipzig doubts it, arguing that there are strong efforts being made locally to separate the two sides. Liat is satisfied; the rally is about as big and loud as she expected.
Not wanting to join the army
After the rally, I continue on to Haifa and meet Kelila again. We eat together; she has just come from a demonstration in solidarity with a young woman who wants to refuse military service. The police were extremely brutal toward the demonstrators, carrying some people away by the neck. About ten people were arrested, but have since been released. “Probably because there’s so much going on today,” Kelila says. She still seems a little shaken by the police violence, but also says, “If I had known it would be so exciting, I would have told you to come along.” Well…
She also refused to serve in the army, she tells me. This is a part of her biography that I didn’t know about. She spent two months in prison for it. Others serve longer, others shorter; it’s not always clear how long they will be deprived of their freedom. She says she couldn’t be part of any army. In Israel, the occupation was another reason for refusing military service. Her parents supported her in her decision at the time. Does she face social ostracism? Not really, she says. She did “national service” instead of military service (“At a human rights organization,” she says with a grin), and when she mentions this, it’s not a problem. If she had started studying right away or gone on a trip while the others went to the army, the situation would certainly be different.
At 5 p.m., we go to the demonstration at Kikar HaSefer, the Square of the Book, in Haifa. Yarden is there too. Once again, there are many yellow and Israeli flags that people have brought with them. Yellow chairs are set up around the square, pictures of the hostages are displayed, the gathering is concentric, with speakers or people with megaphones in the middle cheering on the crowd. Once again, it is very loud, and Kelila and Yarden begin to accompany the chants with their drums, along with other friends. After a while, Kelila tells me to come with her. We walk a few meters, where people dressed in purple are also standing in a circle. They belong to Omdim Be’yachad – Standing Together, a movement that campaigns for an end to the occupation and against prevailing neoliberalism. Decidedly left-wing, even in their self-description. The slogans here differ slightly from the others. “Only peace brings security” is chanted, and Arabic signs are also visible. “There is no democracy with occupation,” I read in Hebrew, “Stop the hunger in Gaza,” “Save the children, reject war,” and also “Stop the genocide.” Pictures of starving children from Gaza are held aloft.

„Rejecting the occupation of Gaza.“
De-escalation
The group of people from Omdin Be’yachad and their supporters blend into the overall gathering as a colorful and rhetorical contrast, but nevertheless symbiotically. Bystanders are friendly. Only one man arrives to argue with one of the demonstrators, the police in tow, who, unlike what Kelila and Yarden experienced in the morning, are very cooperative and friendly. Yarden stands between the disputants. Later—I’m staying at her place tonight—she tells me she has no problem standing between two men yelling at each other to prevent them from hitting each other. She de-escalates the situation with complete confidence, and the guy leaves, also on the recommendation of the police. Suddenly, however, a woman appears. “My son is in Gaza!” she yells at Yarden. Apparently she is the mother of a soldier. Yarden tries to argue back, then turns away, visibly shaken, and walks a few meters back, where some of her fellow activists comfort her. In conversation that evening at her home, she says that she can handle the guys, but being yelled at by a woman is something she can’t deal with so easily. She also understands the soldier’s mother and shows compassion for her. She is still angry with the man, though. „He doesn’t realize that in the end it will also be against him. The government is already insulting the families of the hostages. It starts with attacks against Palestinians and continues against leftists and others. He doesn’t understand that it could actually happen that at some point he too will no longer be able to say what he wants here.“ So Israel’s move toward dictatorship is inevitable? „No“, says Yarden. If she had no hope, she wouldn’t still be here.
Thanks again to Kelila, Yarden and Romi for proofreading!

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