Fast zweieinhalb Stunden wird Tamar erzählen. Liat hatte mir den Kontakt zu ihr vermittelt, kennengelernt hatte ich Tamar bisher nicht. Der Bericht von Liat zum „Protest der Beobachterinnen“ hatte meine Aufmerksamkeit erregt. An dem wirkt auch Tamar mit. Der Protest ist ein Zusammenschluss von Soldatinnen, die als Beobachterinnen der IDF ein Auge darauf haben, was vor den verschiedenen Grenzen Israels geschieht und Verdächtiges melden. Dieser Einheit gehörte auch Tamar in ihrem Grundwehrdienst an, übte die Aufgabe auch in den Jahren später, als Teil der Reserve, aus. Doch warum der Protest einer eigenen Einheit, warum sind es alles Frauen?
Nicht-Gehört-Werden
Letztere Frage ist einfach zu beantworten – es sind zumeist Frauen, die die Aufgabe der Beobachterinnen übernehmen. An Bildschirmen sitzen sie, dürfen unter Androhung von Strafe die Augen nicht von ihnen lassen und registrieren jede Bewegung. Auch in der Kaserne von Nahal – Oz, direkt neben dem Gazastreifen, arbeiteten Beobachterinnen. Schon weit vor dem 07. Oktober 2023 meldeten sie verdächtige Bewegungen. Tamar erzählt mir – und die Recherche von Medienberichten später bestätigt das – dass die Beobachterinnen unter anderem das Training von Hamas-Kämpfern in einem nachgebauten Modell der Kaserne von Nahal-Oz meldeten. Einige der Terroristen imitierten israelische Soldat:innen, die die Kaserne verteidigen. An anderen Tagen übten sie, wie auf den Zaun Richtung Israel zugelaufen wird. Doch die Meldung der Beobachterinnen von Nahal Oz läuft ins Leere, sie werden nicht ernst genommen.

Sticker mit der Aufschrift „Nicht die Augen schließen bis sie wieder zu Hause sind!“, „Das hätte auch ich sein können.“, „Das hätte auch in meiner Schicht passieren können.“ Zudem Fotos der ermordeten und entführten Soldatinnen. Ein Sticker zeigt auch die Fotos der Soldaten, die dem Hamas-Angriff zum Opfer fielen.
Das Gefühl des Nicht-Ernst-Genommen-Werdens teilen die Beobachterinnen der IDF im ganzen Land. Tamar berichtet mir von weiteren Beispielen aus ihrer Zeit in Jerusalem, als sie von der Stadt aus Richtung West Bank schaute. „Du machst da ein Drama draus.“ und „Du übertreibst.“ waren Sätze, die sie häufiger von ihren (häufig männlichen) Vorgesetzten hörte. „Die denken, sie haben längeres Basis-Training als wir und haben außerdem keine Lust, dass irgendetwas in den drei, vier Monaten, in denen sie uns vorgesetzt sind, passiert. Sie wollen keine Entscheidungen treffen, für die sie später Verantwortung tragen müssen.“ erklärt Tamar. Zudem haben auch die IDF ein Sexismus-Problem. Das taucht wahrscheinlich überall dort noch einmal stärker auf, wo junge Männer eine Waffe in die Hand bekommen und zuhauf auf kleinem Raum zusammenleben müssen, Tamars Schilderungen machen deutlich, dass diese Feststellung den soldatischen Sexismus für Frauen keinen Deut besser macht. Gerade dann, wenn eine Einheit zumeist aus Frauen besteht und darauf angewiesen ist, dass ihr Vertrauen und Gehör von den höheren Rängen entgegengebracht wird.
Angriff auf die Kaserne Nahal Oz
Am 07. Oktober um 8.54 Uhr ist die Kaserne von Nahal Oz eingenommen. Vollständig vom Zaun umschlossen war sie nicht, lediglich ein Soldat hatte die Kaserne am Morgen bewacht, Maschinengewehre waren eingeschlossen und weitere Mängel, die zur raschen Einnahme führten, wurden in einer Untersuchung der IDF festgestellt. Das Kalkül der Hamas: wenn sie die Kasernen einnehmen und die Soldat:innen dort binden oder töten, dann ist es umso leichter, das in den Kibbuzim und beim Nova-Festival anzurichten, was sie angerichtet haben. Am Ende sind 53 Soldat:innen tot, darunter 16 Beobachterinnen, zehn finden sich als Geiseln der Hamas im Gazastreifen wieder, sieben davon Beobachterinnen.
Nun, aber… was die Beobachterinnen da in Nahal Oz gesehen haben, das hätte doch – bei weiterer Untersuchung durch andere Einheiten, bei richtig gezogenen Rückschlüssen – den gesamten 07. Oktober verhindern können? „Ja, sicher.“ bestätigt Tamar.
Reservedienst ohne Vorbereitung
Tamar selber wird direkt am 08. Oktober zur Reserve eingezogen, in den Süden. Sie unterstützt eine Einheit, die darauf spezialisiert ist, Leichen zu bergen, begleitet auch Konvois nach Gaza hinein, denn auch dort finden sich Leichen von Israelis. Einige versuchten vom Jeep zu springen und wurden erschossen, andere von den Autos geworfen, um Gewicht loszuwerden. Sie ist nicht ausgebildet für diese belastende Tätigkeit, bewacht später gefangengenommene Terroristen wie palästinensische Zivilist:innen, die in Israel eine Arbeitserlaubnis hatten. Für Letztere setzt sie sich ein, findet den pauschal gegen sie erhobenen Verdacht, mit der Hamas kooperiert zu haben, ungerechtfertigt. Laut Medienberichten finden sich ca. 18.000 palästinensische Zivilist:innen kurz nach dem 07. Oktober in israelischen Gefängnissen wieder und werden vom Shin Bet einer Befragung unterzogen. Danach werden viele von ihnen nach Gaza abgeschoben.
Gleichzeitig versucht Tamar ihre teils noch 18-jährigen Soldatinnen vor Kontakten mit den Terroristen zu schützen, sie feiern ihre Taten, teils kommt es zu sexuellen Übergriffen auf die Frauen. Tamar erwirkt, dass es nur noch männliche Soldaten sind, die in die Zellen gehen. „Dafür sind wir nicht in die Armee gegangen.“ sagt sie und „Wir waren nicht ansatzweise für die Aufgaben, die uns übertragen worden, vorbereitet.“ Sie wird als „problematisch“ eingestuft, wird schikaniert. Schon bald wechselt sie wieder zurück zu ihrer ursprünglichen Einheit bei den Beobachterinnen in Jerusalem.
Aktivismus
Nicht nur in ihrem Reservedienst wird Tamar aktiv, wenn sie Ungerechtigkeit feststellt. Sie geht darüber hinaus. Gemeinsam mit anderen Beobachterinnen gründet sie den gleichnamigen Protest. Bald sind sie regelmäßig auf dem Platz der Geiseln und Verschwundenen in Tel Aviv, protestieren für die Rückkehr ihrer Kameradinnen von der Beobachterinnen-Einheit.
Tamar holt einen Beutel und entnimmt ein sauber gefaltetes Tuch. Es ist eine Art Fahne, darauf abgebildet die getöteten und als Geiseln genommenen Beobachterinnen aus Nahal Oz. Freund:innen haben Statements und Bilder beigefügt, um an die einzelnen Beobachterinnen zu erinnern. Wer hat das Tuch denn gestaltet? „Ich selber.“ sagt Tamar, auf das Tuch schauend, es langsam und in aller Ruhe entfaltend, im starken Kontrast zu ihrem vorherigen, eindringlichen Redefluss.

Eine der gefangengenommenen Beobachterinnen wird von der Hamas getötet. Eine von den IDF befreit. Fünf kommen während des Waffenstillstands zwischen Israel und der Hamas Anfang diesen Jahres frei. Tamar wird nicht aufhören zu kämpfen. Sie und ihre Mitstreiterinnen haben eine NGO gegründet, die das Anliegen der Beobachterinnen, ernst genommen und gehört zu werden, unterstützt. Unter anderem pflegen sie den Kontakt zu jungen, den Wehrdienst noch ableistenden Beobachterinnen, organisieren Ausflüge und Picknicks und sammeln die dafür notwendigen Spenden. Für die Zukunft der sich noch in Gaza befindlichen Geiseln demonstriert sie weiter, nimmt unter anderem an den Protesten gegen Benjamin Netanyahu vor seinem Haus teil und verteilt dort die Sticker der Beobachterinnen. Gerade das Stickern stoße dort nicht auf Gefallen, aber: „Ich laufe schneller als Bibis Sicherheitskräfte.“
Zudem setzt sich Tamar in einer anderen NGO für die mentale Gesundheit von Soldat:innen ein. Auch sie bestätigt, was mir bereits eine Psychotherapeutin erzählt hat. Die moralischen Werte vieler Soldat:innen erodieren, der Krieg ist zumindest für die Reserve die wohl größte Belastung in der Geschichte Israels, Erschöpfung macht sich breit. Die Folge sind eine ansteigende Zahl von Suiziden unter Soldat:innen. Inzwischen steigt dafür die Aufmerksamkeit in der Armee wie der gesamten Gesellschaft, ich selber habe mehrfach einen Werbespot im Radio gehört, der sich an Soldat:innen richtet und dazu aufruft, bei Problemen nicht allein zu bleiben. Neue Strukturen werden derzeit geschaffen, Angebote ausgebaut, viele Therapeut:innen schaffen ehrenamtliche Angebote, so auch in Tamars NGO. Für das Jahr 2025 muss die Armee bereits 16 Tode als möglichen Suizid einstufen, 2024 waren es 21. Im Jahr 2022 lag die Zahl noch bei 14, in 2021 bei 11 [Quellen: Arutz Sheva/ Israel National News | Times of Israel ].
Wirkung
Wenn Tamar heute zur Reserve geht, dann berät sie als (derzeit promovierende) Geologin aus der Ferne die Zerstörung der Hamas-Tunnel. Sie beurteilt, welcher Sprengstoff für den jeweiligen Untergrund geeignet ist und schätzt ein, welche Fahrzeuge über welchen Boden fahren sollten. Macht sie eigentlich auch irgendwas, was Spaß macht im Leben? „Ich möchte helfen. Ich möchte etwas bewirken.“ sagt sie und fährt fort: „Ich wollte meinen Reservedienst nicht in Bitterkeit verlassen.“ Ich verabschiede mich von Tamar. Mein Kopf surrt von all den Informationen, bereits verzweifelt versuchend, zu priorisieren und zu sortieren, Tamars ganze Person, Geschichte und Geschichten zu fassen. Sie wirkt, ohne Zweifel. Und jede Organisation sollte froh haben, eine solche Kämpferin mit einem solch ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit in ihren Reihen zu haben. Ich wünsche ihr sehr, dass ihre künftigen Vorgesetzten in den IDF auf sie hören, das sollten sie wirklich. Aus reinem Eigeninteresse.
Großen Dank an Tamar, die sich in einer kurzen Pause zwischen zwei Reservediensten die Zeit genommen hat, mit mir zu sprechen. Erneut auch ein Danke an Noam und Liat, die mich bei der weiteren Recherche unterstützt und zum Artikel beraten haben.

Hinterlasse einen Kommentar