24. August – Auf Wiedersehen! !להתראות (DE)

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Anliegen der Reise war es, meinen Freund:innen einen Besuch abzustatten, zu sehen und zu verstehen, was sich in ihren Leben geändert hat. Der 07. Oktober ist ein Einschnitt für die gesamte israelische Gesellschaft, davon schrieb ich hier. Das Spektrum an Emotionen und Analysen reichte von Hoffnungslosigkeit und Dystopien zu Zuversicht und konkreten Vorstellungen von Frieden und Zusammenleben. Auch bei mir zeigte sich das, in der Stimmung und in den Gedanken. Meine – und dafür bin ich ihr sehr dankbar – blumengießende, in Rente lebende Nachbarin Carlotta antwortete neulich bei mir zu Hause im Hof auf mein „Wie geht‘s?“ mit „Von eins bis zehn ist alles dabei.“ Den Spruch würde ich gern mit Blick auf meine Reise hier ziehen.

Kritik

Es ist meine Hebräischlehrerin Eti, die mich in einer auf Hebräisch geschriebenen Kritik – so darf ich gleich üben – daran erinnert, dass ich in meinem Blog nur einen bestimmten Teil der israelischen Gesellschaft abbilde. Das stimmt, auch Eti schreibe ich, dass meine Freund:innen irgendwo als „Center / Left“ im politischen Spektrum der israelischen Gesellschaft einzustufen sind. Rechts stehende Menschen, ihre Religiosität deutlich stärker lebende Leute, nationalreligiöse und ultraorthodoxe Personen tauchen nicht auf. Auch kein:e einzige Vertreter:in der arabischen Israelis kommt zur Sprache und auch hier würde eine Vertreterin nicht genügen, um die Pluralität des arabischen Teils der israelischen Gesellschaft ansatzweise ausreichend abzubilden.

Tatsächlich war ein so umfassendes Bild nicht der Anspruch des Blogs, bespreche ich mit Eti per Chat und später auch während unserer Unterrichtsstunde. Das Bild, das hier gezeichnet wurde, mag sich aus einigen verschiedenen Perspektiven zusammensetzen, aber die gesamte israelische Gesellschaft als solche vor allem für eine deutsche Leser:innenschaft abzubilden, dürfte ein deutlich umfassenderes Projekt voraussetzen.

Mit Eti ausführlich zu sprechen, mit der mich in den wenigen Monaten, die ich sie kenne, allein die professionelle Schüler-Lehrerin-Beziehung verbindet und die sich weder als links noch rechts einstufen möchte, verursachte einige Befürchtungen meinerseits vor unserer Unterrichtsstunde und, wie sie sagt, auch ihrerseits. Aber auch das Gespräch ging gut, „agree to disagree“ ist ein Ausweg. Eti war es wichtig, dass ich neben der Gewalt der Siedler:innen – die sie ausdrücklich verurteilt – auch erwähne, dass zur Gewalt in der West Bank auch die steigende Zahl von Taten durch Palästinenser:innen gehört. Bei Linken beobachte sie oft, dass sie Palästinenser:innen oft als die automatisch Unschuldigen darstellen. Sicher, eine ausschließliche Beschreibung als unschuldiges Opfer negiert jegliche Persönlichkeit und Individualität. Eti macht damit ein Feld auf, dass sicher nicht minder wichtig ist. Auch der palästinensischen Gesellschaft zuzuhören, ihre Verschiedenheit und Pluralität, die Widersprüche, in denen sich Einzelne darin aufhalten, das Verhältnis einzelner zu den Organisationen und Institutionen, die beanspruchen, sie zu vertreten, der politische Stillstand, der innerhalb der Palästinensischen Autonomiebehörde seit Jahren herrscht, welchen Weg hin zu einem palästinensischen Staat sie überhaupt noch für möglich halten… viel wird dazu geschrieben, wird weiter geschrieben.

Im August 2025 war ich, mit meiner Biografie, meinen Sprachkenntnissen, meinen limitierten Netzwerken, Kontakten und Kapazitäten nicht der passende Typ, um diese Teile sowohl der israelischen als auch der palästinensischen Gesellschaft zu erreichen und Gespräche von der Art zu führen, wie ich sie geführt habe.

Links: Hebräisches Graffito in Tel Aviv „Ich habe kein anderes Land“, laut Noam schon vor dem 07. Oktober dort zu sehen. Rechts: Filmplakat für „No Other Land“ in einem palästinensischen Dorf bei Umm el Kheir

Zuhören und Positionieren

Es gehörte zu dieser Reise, zuzuhören. An einigen Stellen auch zu schweigen. Das habe ich getan. Auch mir wurden viele Fragen gestellt, das schrieb ich bereits. Darauf habe ich geantwortet und mich positioniert.

Denn ich bin mit einer Position hergekommen. Als links denkender Mensch, als jemand, der auch Fragen hat, die auch als unbequem aufgefasst werden können. Fragen, die als nicht angemessen erachtet werden können, weil sie von einer Person kommen, die das Leben hier vielleicht nachvollziehen kann, aber nie wirklich wissen und erfühlen wird, was es bedeutet, nur dieses Land zu haben. Bereits das Sprechen mit in irgendeiner Weise links denkenden, progressiven Israelis kam vereinzelt an Punkte, wo im Sinne der Freundschaft Konzentration und Geduld gefragt waren. In einem Punkt gelang das nicht ganz, doch selbst dann war es möglich, wieder auf freundschaftlichen Boden zurückzukehren. Aber ich bin froh, gemeinsam mit ihnen den geteilten Boden ausgetestet und für sehr stabil befunden zu haben. Und das Versöhnung gar nicht so schwierig sein muss. Plus, der Text „Versuche“ ist daraus entstanden.

Erst in der dritten Woche, in der ich einigen Freund:innen noch einmal Auf-Wiedersehen-Besuche abstatte, stelle ich fest, dass wir beginnen, uns auch über andere Themen als den 07. Oktober und den Krieg zu unterhalten. Alltägliche Sachen, Arbeit, Beziehungen, das deutsche und israelische Bildungssystem im Vergleich, Probleme mit invasiven Kanarienvögeln für die Fauna im Land, sowas. Ich bin froh, dass mir so viel zum 07. Oktober erzählt wurde, dass nun auch solche Gespräche möglich sind. Und gleichzeitig stelle ich fest, dass sich so viel verändert hat, dass sich erst nach langen, intensiven Gesprächen auch so etwas wie Leichtigkeit einstellt in diesen Freundschaften.

No Magic

Währenddessen melden die UN, dass mehr als eine halbe Million Menschen in Gaza an Hunger leiden. Es besteht kein Zweifel, dass es eine Hungersnot ist. Gleichzeitig sind nach wie vor 50 Geiseln in Gaza, 28 von ihnen sind für tot erklärt.

Den Abend des 21. August verbringe ich nochmal bei Liat. Sie erzählt es mir, kurz nachdem Ha‘aretz den Bericht zunächst auf Hebräisch veröffentlicht haben. Wir schauen die Nachrichten. Amos Yadlin, ehemaliger Chef des Militärischen Geheimdienstes Aman ist in einem Interview auf Channel 12 zu sehen. Die neueren internationalen Reaktionen werden ausgewertet. Plötzlich sagt Liat auf Englisch: „Das war jetzt wirklich interessant, was er gesagt hat!“ und fährt fort: „Er meinte eben, nach einem Genozid bekommst du einen Staat.“ Die israelische Regierung weist die Vorwürfe als Hamas-Propaganda zurück.

Netanyahu treibt seine Pläne für die Okkupation Gazas voran. Generalstabschef Eyal Zamir scheint sich den Vorgaben aus dem Kabinett zu beugen und bereitet seine Armee für was auch immer in Gaza City vor. „Warfare“, hatte es Noam mal in einem Gespräch genannt. Ein Begriff, den ich mit den Dystopien der Call of Duty – Videospielreihe verbinde. Die deutsche Bundesregierung will – anders als viele europäische Staaten sowie Kanada und Australien – keinen palästinensischen Staat anerkennen. Sie kündigte an, Waffenlieferungen nach Israel einzuschränken und sorgte damit für Debatten in Israel wie Deutschland. In der West Bank hat das israelische Kabinett währenddessen die Besiedlung des E1 – Gebietes beschlossen. Praktisch würde das die Trennung der West Bank in einen nördlichen und einen südlichen Teil für Palästinenser:innen bedeuten.

Die israelische Chefanklägerin Gali Baharav-Miara ist noch im Amt, allerdings hat Justizminister Yariv Levin vom Likud die Schlösser zu ihrem Büro austauschen lassen. „Kindisch“, kommentierte das Ha‘aretz an einer Stelle. Laut Umfragen könnte sich Netanyahu nach Neuwahlen derzeit immer noch eine Koalition zusammenbasteln. Viele meiner Gesprächspartner:innen sind froh, an dem Streik am Yom Rishon – vom Sonntag – teilgenommen zu haben. Gleichzeitig zweifeln sie, ob es tatsächlich einen Einfluss hatte. Die News scheinen ihnen recht zu geben, Ha‘zaya ist nicht auf zauberhafte Weise während meines Besuchs durch einen plötzlichen Zufall gebrochen worden, eine Woge der Hoffnung auch nicht eingetreten. Und doch bin ich froh, das eine oder andere Plakat, unter anderem mit „17.08. – Israel bestreiken! Wahnsinn stoppen!“ ergattert zu haben. Es war glaube ich doch ein guter Tag für das jüdische Israel.

Danke!

Hin und wieder wurde mir von den israelischen Gesprächspartner:innen gesagt, dass meine Anwesenheit und Perspektive auch für Nachdenken sorgen. Ich hatte den Eindruck, viele meiner Freund:innen haben sich ehrlich gefreut, mit einem Europäer zu sprechen und waren ebenso gewillt, dort Konzentration und Geduld in das Gespräch zu investieren, wo es notwendig war, im Sinne der Freundschaft. Einige haben den Blog sehr intensiv begleitet, einzelne Artikel kommentiert, mich bei Recherchen (teils für mehrere Stunden) und beim Reflektieren unterstützt. An dieser Stelle ein großer Dank an Liat, Noam und Tomer, die ich im Laufe dieser drei Wochen immer wieder getroffen habe. Es war ein Balanceakt, Inhalte aus persönlichen, teils intimen Gesprächen heraus zu veröffentlichen. Ohne die Resonanz, die ich durch die drei hatte, wäre dieser Blog so nicht möglich gewesen. Danke auch an Micha, Johanna, Stefan, Kaja und Carlotta in Deutschland, die aus der Ferne an der einen oder anderen Stelle unterstützten. Danke für Mahlzeiten, Grillereien, Strandausflüge sowie Fußball, Klavier, Pool, Kochen, Fernsehen, Demonstrieren mit zwei sehr lebhaften 12-jährigen Menschen in einem Kibbuz im Süden Israels.

Ich werde wiederkommen. Als Freund, vielleicht nicht nochmal als Blog-Schreibender, I don‘t know. Urlaubstage gab es wirklich! Einmal auch beach office, was ich aber nicht empfehlen kann… Es ändert sich sowieso alles. Meinen israelischen Freund:innen wünsche ich viel Kraft, haltet durch, kämpft, wenn ihr könnt, erholt euch, wenn ihr es müsst. Vielleicht wird es schlimmer. Aber vielleicht auch einfach besser. Bisschen Hoffnung habe ich ja doch gefunden.

Danke an Tomer, Tomers Zwillinge, Yiftach, Noam, Kian, Lew (tauchte hier bislang nicht auf, suchte und diskutierte dennoch mit und spielt wunderbar Gitarre mit Noam, Kian und Kolja, danke für kostenfreie Konzerte, denen ich beiwohnen durfte!), Maryah, Liat, Liats Partner Ofir, ihre Mutter Chana, Kelila, Yarden, Romi, Khalil und die weiteren Menschen in Umm el Kheir, Eti sowie an Tal und Kolja. Die beiden letzteren habe ich erst ganz zum Schluss besucht und konnte mit ihnen nach einer sehr intensiven Reise noch zwei sehr entspannte Urlaubstage bei Herzliya verbringen und zurückschauen. Sie waren Grund genug, an meinem letzten Samstag doch nicht zur Demo in Tel Aviv zu gehen, wie ursprünglich geplant 🙂

Danke an alle für ihre Gastfreundschaft in schwierigen Zeiten. Danke an alle weiteren, mit denen ich sprechen konnte!

Zum Schluss ein verhaltener Filmtipp für die deutschen Leser:innen

Auf Tomers Empfehlung hin bin ich in den Film „We‘ll Dance Again – עוֹד נחזור לרקוד“ gegangen, gezeigt wurde er am 19. Juli in der Nationalbibliothek Israels in Jerusalem im Rahmen des Dokutext – Film – Festivals. Er zeigt den Terrorangriff der Hamas auf die Feiernden beim Nova – Festival am 07. Oktober 2023. Als Filmkritiker will ich mich gar nicht erst versuchen, aber nur ein Gedanke: In dem Film werden schreckliche Bilder von Mord und Geiselnahmen, von Terror gegen Zivilist:innen gezeigt, auch für sexuelle Gewalt versuchten die Filmemacher:innen unter offenbar vielen Abwägungen einen bildlichen Ausdruck zu finden. Eine Frau ein paar Reihen vor mir sitzend verließ die Vorführung nach vielleicht dreißig Minuten. Diesen Film sich anzuschauen kann nicht jede:r, viele israelische Gesprächspartner:innen sagen mir, sie könnten das nicht. Selbst Tomer sagt das, nachdem ich den Film gesehen habe. Der Film stellt auch keine kritische Fragen, wie ein solcher Terrorakt überhaupt möglich sein könnte. Er zeigt ausschließlich das Grauen, das an einer Community von gerne feiernden Menschen verübt wird.

Was ich sagen will: der 07. Oktober war und ist nicht nur eine weitere Eskalation, weit weg auch wenn Nahost, nur eine „neue Runde“ zwischen Hamas und Israel. Vielleicht braucht es diese starken Bilder, komprimiert und ausgewählt in einem Film, in einer Zeit, in der Krieg immer näherrückt (ich schreibe als Mensch aus Deutschland). Um zumindest zu wissen und für einen Moment das zu fühlen, was alltäglich ist für die, die heute im Krieg leben. Die auf Menschen in Gefangenschaft warten. Vielleicht bedeutet Leben im Krieg in einer Realität wie der hier in Israel als fühlender und nachdenkender Mensch auch, bei all den Fragen an das eigene Ich, wo ich bei dieser Menschheit überhaupt anfangen soll, nach einer Antwort zu suchen. Am Ende stellt sich diese Fragen uns allen. Ich würde immer für die Freundschaft als ganz wesentlichen Teil für den Anfang dieser Suche plädieren.

Krieg ist leider nicht mehr nur Geschichte. Und doch gibt es Hoffnung, das ist auch eine Botschaft von „We‘ll Dance Again – עוֹד נחזור לרקוד“

Danke an Eti und Tomer für ihr Feedback zu diesem Artikel.

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